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Streaming - ja/gar nicht?


Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Martin » 26. Dez 2019, 20:18

Hallo,

kurzes Thema "Streaming" in die Runde. Was haltet ihr von dieser "Erfindung"? Eher toll, weil einem die Welt der Musik für einen relativ überschaubaren Betrag im Monat offen steht, oder eher schlecht?

Mein Diskussionsbeitrag
Bin sehr gespalten. Als ich damals die Beach Boys entdeckt habe, war das alles ziemlich wertvoll. Ich kam mit der Band in Kontakt (das war 1993, ich war 14). Die erste und einzige CD die ich damals bei uns in der Umgebung fand war "20 Golden Greats". Ja, damit hab ich begonnen. Meine Schwester schenkte mir bald darauf "Endless Summer". Irgendwann fand ich dann - Wochen später - den Twofer "Concert/Live in London".Dann folgte "Pet Sounds".

Ich konnte mich also ewig lange mit den CDs auseinander setzen, wobei ich sagen muss - ich hatte damals gar keinen CD-Spieler. Ich durfte mir die CDs auf der Anlage meiner Schwester auf Kassetten überspielen (nach Erscheinungsjahr geordnet) und hörte die Musik danach. Stundenlang. Pet Sounds hatte ich sogar auf die A und B Seite überspielt, damit ich es in Endlosschleife hören konnte :).

Ob man es glaubt oder nicht. Am Flughafen in Dublin, wo wir Urlaub machten, fand ich als nächste CD auch schon "Summer in Paradise" das zu dieser Zeit raus kam.
Damals wusste ich noch nicht einmal die Namen aller Beach Boys Mitglieder. Ich habe mich - in Ermangelung der originalen CDs - mit Komplikationen getröstet und war immer begeistert, wenn 3-4 Lieder drauf waren, die ich noch nicht kannte.

Heißt für mich. Die "Sammlung" aufzubauen, Informationen zu beschaffen, mich mit allem auseinander zu setzen. Das dauerte Jahre.

Hätte ich die Beach Boys JETZT erst kennen gelernt, mit dem Streaming Angebot - ein Knopfdruck, alles da. Wäre das nichts geworden. Auch jetzt wird's nichts, mit neuen Künstlern. Sherly Crow sagte sogar, sie würde sich nie mehr die Arbeit antun, ein Album aufzunehmen, weil e alles bei Spotify auf einer Playlist landet ... hat sie recht. Wie ist eure Erfahrung?
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Manfred » 27. Dez 2019, 13:59

Also ich akzeptiere und verstehe vollkommen, wenn junge Mensxchen das machen.

Aber als Jahrgang 1955 ist man einfach anders sozialisiert worden. Das heißt nicht, daß ich mir angenehme technische Sachen durch die Lappen gehen lasse, aber man wurde durch seine Erfahrung zum haptischen Menschen. Die ersten singles, die ich mir kaufte (waren übherwiegend von den Beatles, Stones Who, Troggs und so), waren einfach MEIN Schatz, etwas, das mir allein gehörte und zu jeder Zeit von mir gehört werden konnte - unabhängig von Radio oder Fernsehen. Und genau so gespannt wie auf die A Seite, war ich auch auf die B Seite, die gehörte unbedingt dazu - und war manchmal sogar noch besser !
Dafür, daß man sich eine LP zusammengespart hatte, hörte man die dann auch sehr oft und las jedes Wort auf dem cover und label. Dadurch hat man auch Platten schätzen gelernt, bei denen man zunächst dachte, man hätte sich verkauft.
Also es führte zu viel aufmerksamerem Zuhören, was heute verlorengeht. Gefällt der gestreamte Titel nicht auf Anhieb, ist er nichts. Das ist für mich der Unterschied. Und ich möchte auch gar nicht dem riesigen Überangebot ausgesetzt sein.
Kam damals die neue LP einer band auf den Markt, wurde dem entgegengefiebert und tagelang über nichts anderes geredet. Sprich: Es war ein Ereignis. Dies scheint mir heute nicht mehr der Fall, es ist alles selbstverständlich.
Ich bin froh, in meiner Zeit groß geworden zu sein und habe die Wertschätzung für Dinge zum Anfassen nicht verloren.
Daher bin ich auch immer sehr gut damit umgegangen, Platten, Bücher, Comics, welches zum Werterhalt beiträgt.
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Martin » 28. Dez 2019, 10:52

Hallo Manfred,
du hast recht, dass vieles selbstverständlich ist, was Musik betrifft. Vor allem nimmt man sich ja auch gar nicht mehr die Zeit, sich wirklich mit etwas zu befassen, oder? Die Streaming Dienste, wie gesagt, Milliarden von Songs. Man hört rein, wenn es nicht sofort gefällt klickt man "weiter".
Ich frage mich, wie sich die Musik-Industrie verändern wird. Ob alle nur noch "Singles" machen werden, die 2-3 Minuten dauern und eben gleich ins Ohr gehen, um vermehrt Hörer anzusprechen. Also ob wir uns zurück ins Jahr 1963 bewegen. Das Album als Kunstform dürfte auf alle Fälle, außer im Indie Bereich, Geschichte sein.

Das was Du beschrieben hast (Cover durchschauen, Bootleg lesen ..) kann ich nachvollziehen. Als ich damals meine Beach Boys Sammlung anfing (die erst im Jahr 2000 richtig in Fahrt kam, als die CDs neu aufgelegt wurden und man sie über Internet beziehen konnte) bin ich beim Hören auch immer vor dem Cover/Bootleg gesessen. Ich wollte wissen, wer das Lied das ich höre geschrieben hat, ich wollte Infos usw.

Naja. Die Filmindustrie spinnt ja auch gerade. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als die "großen Studios" 1-2 Filme im Jahr gemacht haben. Für viel mehr Filme war in den Kinos ja gar nicht Platz. Heute gibt es die Filmstudios, Netflix, Amazon Prime usw. überschwemmen den Markt. Rezessionen usw. helfen gar nicht mehr bzw. Userbewertungen sind stärker als dies und das...

Und immer wieder erinnere ich mich an die ganzen alten SF-Filme und Bücher, wo 3-4 Firmen auf der Welt sich die Macht teilen. Man könnte meinen, mit Google, Amazon, Facebook ... wäre man auf den Weg dorthin ...
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Heinz » 28. Dez 2019, 11:15

Alles verändert sich! Ich genieße es!
Wenn ich so mein Leben vorüberziehen lasse, bin ich vom Vinyl-Junkie zum Streamer geworden, was natürlich viel mit dem Zeitgeist und dem damit verbundenen Konsum zu tun hat, gleichzeitig aber auch Spiegel meiner persönlichen Entwicklung ist.
Wie sehr habe ich mich gegen die Nutzung von CD gesträubt! Sound kalt, nichts mehr auf dem Cover zu lesen usw.
Google und Android kamen wir genauso wenig ins Haus wie bei meinen Töchtern Barbies!
Mit veränderten Lebensphasen und den immer wechselnden Lebenssituationen hat sich das meiste relativiert.
Heute bin intensiver Nutzer von Android, Spotify Streamer, Fußball getreamt in DAZN usw.
Ach, ist das Leben bequem!!!
Zeit meines Lebens habe ich angehäuft: Bücher, Platten, CD (JA!)! Und heute, kurz vor siebzig, reduziere ich alles um mich herum. Platten habe ich schon lange keine mehr, CD nur noch das Nötigste (also BB!), Spotify!!!, Bücher lese ich auf dem E-Book, Fußball entweder per Dauerkarte beim SC Freiburg oder im Stream.
Alles hatte seine Zeit.
Ich vermisse nichts, die Erinnerung an schöne Cover und Kratzer an bestimmten Stellen der LP bleibt mir erhalten und ich pflege diese!
Viele Grüße aus Bad Krozingen
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Roland » 30. Dez 2019, 12:59

Ähnlich wie Manfred spielt auch bei mir das Haptische eine gewisse Rolle. Und auch der Sinn fürs Visuelle sollte angesprochen werden.
Ich schätze es zwar, wenn ich in Nullkommanichts einen bestimmten Titel finden kann und überhaupt Zugriff auf eine riesige Anzahl Stücke habe, bei mir gibt es überhaupt kein Aber gegen das Streamen. Doch die mir wichtigen (das nimmt ohnehin ab) Alben kaufe ich immer noch als CD. Und ich stelle mir sogar noch Musik zusammen, die ich dann auf CD brenne. Ich mag's, wenn man erst mal eine CD einlegen muss, im Raum bleibt, nicht gleich auf die Weiter-Taste drückt, wenn ein Titel nicht auf Anhieb gefällt etc.
Hat aber alles damit zu tun, wie man es als junger Mensch kennengelernt hat. Ich hätte auch kein Problem mit einem Telefon mit Wählscheibe. Hauptsache bleibt doch, dass man seinen Gesprächspartner hören kann. Oder eben gute Musik. Alles wohl nur eine Frage des Alters.
@Heinz: "Kurz vor Siebzig" - was meinst Du denn damit!?! ;)
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Manfred » 30. Dez 2019, 16:11

Noch ein Beispiel: Ein Bekannter hat mir alte Carl Barks Donald Duck comics auf eine CD gebrannt, d.h. ich muss sie in den PC schieben und kann mir das dann auf dem Bildschirm ansehen. So weit, so schlecht.

Kein Vergleich damit, ein Comicheft - geschweige denn von der Deutschen Erstveröffentlichung (die tollsten Geschichten des Donald Duck - die ersten Exemplare sind in guter Qualität RICHTIG wertvoll - und ich habe sie !) in der Hand zu halten und sich damit auf den Balkon zu setzen oder sie im Bett zu kontemplieren.

Schon ein Nachdruck löst bei mir nicht das gleiche Gefühl aus......
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Heinz » 30. Dez 2019, 16:41

@Roland: das ist so gemeint wie "Viertel vor 11" oder so :D :lol:
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Alex111 » 30. Dez 2019, 18:44

Hallo, kann ich alles nachvollziehen. Bin Jahrgang 73, hab mit den Capitol Twofers 1990 angefangen und bin beinharter cd-käufer. Durchs Internet dann auch eifriger cd-r Ersteller. Um Streaming hab ich mich immer rumgedrückt, wollte immer was in der Hand haben, Song credits und liner notes lesen. Doch als Vater von Kindern, die weitgehend die Radio hits mögen werde ich wohl nicht ewig drum herum kommen. Dazu kommt dass ich dann zweier hörgeräte vor einigen Jahren mein hören neu erfinden musste - vorher traute ich der Sound Qualität nicht.
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon Alex111 » 30. Dez 2019, 18:47

Aber ich bin halt ein Dino. CDs brennen, eigene Cover erstellen, Tracklisten durchstöbern um rauszukriegen welches Konzert man gerade hört...gehört irgendwie dazu :D
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Re: Streaming - ja/gar nicht?

Beitragvon ClaudiaW » 5. Jan 2020, 19:45

So hat wohl jeder seinen Umgang mit der heutigen Zeit und Vergangenheit.....

Bei mir ist es noch ganz anders.

Für meinen ersten Plattenspieler holte ich mir nur Singles. Na ja, mein Taschengeld war nicht so üppig. Aber schon bei den Singles ärgerte es mich maßlos, dass die B-Seite meist nicht so der Brüller war. Also gab ich schon aus Prinzip kein Geld für Langspielplatten aus. Da hätte ich ja für noch mehr Songs bezahlen müssen, die ich gar nicht hören will.

Ein mal überwand ich mich doch. Kaufte mir eine neu erschienene Country-LP. Ein paar Tage später hatte ich Geburtstag und bekam diese dann noch 3x geschenkt. Damit war mein Plattentrauma perfekt.

Aber ich saß nächtelang mit meinem Bruder am Plattenspieler und Kassettenrekorder. Er besorgte die Platten und ich hatte den Rest. Da der Plattenspieler keinen Anschluss fürs Überspielkabel hatte, wurde auch noch mit Mikrofon aufgenommen. Und beim mehrmaligen abhören der Kassetten, wusste man schon im voraus, wann wieder die knarrende Tür auf ging oder sich jemand versuchte, still eine Zigarette anzuzünden. Da kann die Jugend heutzutage nicht mehr mitreden. Aber das hatte noch etwas intimes/persönliches. Heute werden nur noch links von „guten“ Songs hin und her geschickt. Ohne persönlichen Kontakt. Ohne gemeinsame Erlebnisse.

Und durch die Masse geht viel gutes unter. Und ich weiß echt nicht, wie viel gute Musik mir durch meine Sturheit oder Geiz entgangen ist.

Aber ein gutes Beispiel ist Manfred seine „Musikmischung“. Einer hier im Forum schrieb genau das, was mir auch passiert ist. Von seiner letzten CD der Song - „Classical Jazz“

Erster Eindruck - voll anstrengend. Inzwischen gehört er aber zu einen meiner Lieblingssongs von ihm. Manches schöne bemerkt man erst nach mehrmaligem (hin)hören.

Und durch das Massenüberangebot der ganzen Anbieter, geht auch echt viel gutes verloren. Wer nimmt sich denn noch die Zeit, genau hin zu hören. Ist so, wenn die ersten drei Töne nicht sofort einem vom Hocker reißen, wird weiter geklickt :o
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